Es ist Raum in der Herberge (Ep.3)

Es ist kein Raum in der Herberge – das ist für mich einer der traurigsten Sätze in der Weihnachtsgeschichte. Ein Kind kommt. Es ist im Bauch der Mutter gewachsen und nun bereit, das Licht der Welt zu erblicken. Ein kleiner Mensch. Ganz. Aber auf die Fürsorge der Welt angewiesen. Dieser kleine Mensch kann seine Bedürfnisse in die Welt rufen und hat noch einen anderen angeborenen Impuls: Sobald die kleinen Finger eine Hand ertasten, fassen sie zu.

Kinder verdienen nichts anderes als Liebe, Fürsorge und Verständnis. Sie haben nicht darum gebeten, geboren zu werden. Aber sie lassen sich darauf ein. Sie zeigen, was sie brauchen und sie fassen nach den Händen, die sie halten. Und sie geben das größte, was Menschen geben können: kompromisslose Liebe. In dem Zufassen der winzigen Finger, dem Geruch, der noch etwas von der Ewigkeit hat und irgendwann dem ersten zahnlosen Lächeln.

Nach der Geburt meines ersten Kindes sagte die Hebamme zu mir:

Schau in das Gesicht deines Sohnes. Er ist noch nicht ganz hier. Er sieht noch weise aus. Er kennt noch alle Geheimnisse der Ewigkeit. Nur für ganz kurze Zeit. Einen winzigen Augenblick.

Unsere Hebamme war nicht religiös aufgewachsen. Sie war religiös geworden, weil sie in die Gesichter vieler neu geborener Kinder geblickt hatte. Bei jeder Geburt sah sie für einen Augenblick das Ewige.

Wenn eines meiner Kinder plötzlich nicht mehr mag, was gestern noch das Lieblingsessen war. Wenn ein anderes ein Riesentheater veranstaltet, weil es die Lieblingssocken nicht findet und keine anderen anziehen kann. Wenn wir deshalb zu spät kommen und laut werden und ungeduldig. Wenn alles lauter und chaotischer ist, als ich es gerade gut wegstecken kann. Dann erscheint mir diese Erinnerung kitschig. Weil ich dann darauf warte, dass die Kinder sich in meinen, unseren Rhythmus und unseren Ablauf hineinquetschen lassen.

Und manchmal tun sie das nicht. Gott sei dank.

In der Kirche wollen wir den Menschen Halt geben und wir haben dafür Strukturen geschaffen. Gottesdienstabläufe. Gebäude, die Sicherheit geben. Mauern, die Geschichten erzählen und Generationen von Menschen einen Raum gegeben haben für ihre Sorgen, ihre Dankbarkeit und ihre Suche nach dem Sinn.

Aber in diesen Mauern ist bislang wenig Raum für kleine Menschen. Dort stehen nur große Bänke.

Das ändert sich gerade in der Simeonkirche in Hamburg Bramfeld. Dort stehen jetzt kleine Stühle und mittelgroße Stühle und dort liegen Teppiche für die Menschen, deren Rücken noch so zart sind, dass sie das eigene Gewicht noch nicht tragen können. Diese kleinen Menschen gehören auf die Arme ihrer Geschwister, Eltern und Großeltern. Und wenn sie mögen, liegen sie einen Augenblick auf dem Teppich in ihrer Kirche und betrachten mit noch nicht ganz klarem Blick die Decke weit über ihnen.

Die kleinen Stühle und Teppiche sind erst der Anfang. Die Menschen in der Simeonkirche wollen noch viel mehr für die Kinder in ihrer Gemeinschaft. Das Abenteuer Kinderkathedrale hat gerade erst angefangen…

Veröffentlicht von pastorinantoinetteluehmann

Ich bin Erzählerin, Theologin und Expertin für Storytelling.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s