Bible Art Journaling – ich decke einen Tisch mit Farben (Ep.6)

Ich mag die Methode und das Wort Bible Art Journaling. In drei Wörtern wird klar, was beim Bible Art Journaling passieren soll: Ein Vers, ein Gebet, ein Kapitel oder eine Geschichte der Bibel steht im Mittelpunkt. Dieses Bibelwort wird, wie ich gerne sage, kritzelnd erforscht. Es entsteht etwas mit den Händen, Kunst in einem Sinne, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat. Einfach etwas, das mit unseren Händen entsteht. Ohne etwas zu wollen. Das dritte Wort, Journaling, drückt für mich die wunderbare Flüchtigkeit des Moments des Schaffens aus. Heute male, denke, fühle ich etwas, wenn ich das Bibelwort höre und lese. Morgen wahrscheinlich etwas anderes. Und genau so soll es sein.

Das Wort Bible Art Journaling könnte also als biblisches, künstlerisches Tagebuch bezeichnet werden. Soll es aber nicht. Denn das Wort Kunst löst bei vielen Menschen Schnappatmung aus. Das Gemalte soll nichts für andere bedeuten müssen und es gibt keine „Qualitätskontrolle“ in irgendeiner Form. Es ist eine wunderbar freie Methode sich selbst mit einem Bibelvers ins Gespräch zu bringen.

verschiedene Formen des Bible Art Journaling sind möglich- Beispiele auf Instagram @Antoinette.journaling und #bibleartjournalingdeutsch

Kindern muss ich diese Methode natürlich nicht erklären. Je nach Alter erzähle ich eine Geschichte, gebe ihnen ein Papier mit ihrem Taufspruch, eine Liste mit möglichen Konfirmationssprüchen, Gebeten, das Glaubensbekenntnis. Und decke einen Tisch. Mit Farben. Sie setzen sich und fangen an. Sie sind so eng verbunden mit ihren Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen. Mehr braucht es nicht.

Die Regeln sind einfach: es ist alles erlaubt. Nichts wird bewertet. Am Ende sagen alle, was sie erlebt haben. Wer möchte, zeigt etwas. Es darf aber auch alles behütet werden. Es sind sehr persönliche Gedanken, die mit Buntstiften, Tusche, Papiercollagen und Fingerfarben den Weg auf das Papier finden.

In der Kinderkathedrale nennen wir die Station des Bible Art Journaling liebevoll „Maltisch“. Hier ist es immer voll, wenn wir eine Geschichte erzählt haben. Denn in dieser ursprünglichen Auseinandersetzung mit dem Erlebten auf einem leeren Blatt Papier liegt wahnsinnig viel Kraft.

Bible Art Journaling könnt Ihr mit jeder Altersstufe gemeinsam tun. Als ein angeleitetes Angebot oder als eine Möglichkeit, die einfach immer zur Verfügung steht. In der Kirche. Im Gemeindehaus. In der Kita.

Der Tisch wirkt besonders einladend, wenn die Materialien schön präsentiert werden. Wir haben zum Beispiel schöne Stoffmäppchen genäht, die ausgerollt werden. WashiTape liegt in Holzschachteln. Bunte Servietten werden ausgelegt.

Der Tisch ist gedeckt. Mit bunten Farben.

Eine Seite aus einer Bibel, die etwas dickere Seiten hat und dadurch auch Kleber verträgt und eine genähte Stifterolle. @ Antoinette_journaling

Möchtest du es ausprobieren? Dann drucke dir die drei Seiten aus und lege dir Stifte bereit.

Digitales Bible Art Journaling

Im Rahmen der Himmelsblickertagung der Nordkirche bieten wir zur Zeit ein Magazin zum Bible Art Journaling und einen Videokurs zum digitalen Zeichnen kostenlos an.

Videokurs: Digitales Bible Art Journaling. Teil 1 (©️Antoinette Lühmann)
Videokurs: Digitales Bible Art Journaling. Teil 2 – Apps (©Antoinette Lühmann)

Erzählkirche (Ep.5)

„Erzählkirche“ haben wir unseren ersten Aktionen im Herbst und Winter genannt. Gewünscht hatten wir uns offene Türen für die Nachbarschaft und Spaziergänger:innen mit ihren Kindern.

Da ein buntes Durcheinander und offene Türen für groß und klein im Moment schwierig sind, haben wir die Kinder in Kohorten eingeladen. So konnten wir mit Kindergartengruppen und Schulklassen die Weihnachtsgeschichte erzählen.

Eine Erzählkirche könnt Ihr in jeder Kirche einrichten und die Kindergartenkinder und Schulklassen aus der Nachbarschaft einladen.

Auf fünf Tischen sind die Stationen der Weihnachtsgeschichte aufgebaut: Maria und der Engel, Maria und Josef mit dem Esel unterwegs, die Hirten auf dem Felde, die drei Weisen/Könige sind unterwegs, alle treffen sich bei der Krippe.

Wir beginnen im Kreis. Schauen uns um, stellen uns vor. Ich liebe Geschichten. Hast du zur Zeit eine Lieblingsgeschichte?

Dann verrate ich mein Geheimnis: Du kannst Geschichten ganz leicht lernen und erzählen, wenn du dir selbst ein Bild machst. Wir schließen die Augen und stellen uns vor, ….

Eine Frau mit dem Namen Maria. Sie bekommt Besuch von einem Engel. Wie sieht der Engel für dich aus? Heute? Jetzt? Wie klingt seine Stimme?

Dann wandern wir von Tisch zu Tisch. Schauen auf die Szenen, vergleichen sie mit unseren inneren Bildern. Manch eine:r kennt die Geschichte schon aus Büchern oder hat einen Film gesehen. Wie haben sich die Pastorin Gwen Schwethelm und ich den Engel vorgestellt, als wir die Szenen gebaut haben? Und wie sieht dein Engel aus? Heute? Jetzt? Hier?

Wir gehen bis zur Krippe. Die Geschichte geht gut aus. Alle sind angekommen. Auch das Kind. Und jetzt? Geschenke basteln? Engel kneten? Ein Mosaik aus Fallschirmspringern und Engeln legen? Im Zelt lesen? Vor dem Altar hüpfen? Wonach ist dir?

Mehr als 250 Kinder waren mit ihren Lehrerinnen und Lehrern in den letzten zwei Wochen in der Kinderkathedrale. Und das ist erst der Anfang. Es ist alles bereit…

Heiliger Boden (Ep.4)

In einer Kirche ist vieles erlaubt und manches undenkbar. Darf ein Hund die Ringe für die Trauung bringen? Ist es erlaubt, mit den Stiefeln auf die Bänke zu klettern, wenn ich nicht richtig sehe, was vorne geschieht? Kichern? Oder nur leise flüstern?

Langsam durch den Mittelgang schreiten oder auch mal tänzeln, krabbeln, hüpfen? Gibt es eigentlich Regeln, die überall und für alle gelten?

Als Gott ein sehr persönliches Gespräch mit Mose führt, da bittet er den Menschen um eines: Mose, zieh deine Schuhe aus. Dieser Boden ist heilig. Ich komme dir ganz nahe. Flüstere dir ins Ohr. Teile mit dir meinen Namen. Alles, was ich bin.

Bring den Staub der Straße nicht mit hinein in dieses Gespräch. Den Dreck der Vergangenheit. Komm auf Socken oder Barfuß. Spür den Boden, der dich trägt. Höre. Summe. Kichere. Tanze. Tobe. Die Schuhe brauchst du nur draußen.

In der Kinderkathedrale kommen gerade Schulklassen zu Besuch. Sie kennen Moses Geschichte nicht. Sie hören die Weihnachtsgeschichte und sind einfach eine Weile da. Nur so. Wir haben ihnen keine Regeln gesagt und keine Vorschriften gemacht. Wir haben sie nach ihren Namen gefragt und nach ihren Lieblingsgeschichten. Wir haben eine Geschichte erzählt und ein bisschen zusammen gesessen.

Und dann haben sich die Kinder die Schuhe ausgezogen und es sich gemütlich gemacht. In dem Haus eines Vaters, der alle Kinder mit offenen Armen empfängt. In dem Haus einer Mutter, die sich nichts als Freiheit und Liebe für alle Kinder wünscht. So einfach ist das mit dem heiligen Boden. In dieser Woche. An diesem Ort mit den Türen, die weit offen stehen.

Es ist Raum in der Herberge (Ep.3)

Es ist kein Raum in der Herberge – das ist für mich einer der traurigsten Sätze in der Weihnachtsgeschichte. Ein Kind kommt. Es ist im Bauch der Mutter gewachsen und nun bereit, das Licht der Welt zu erblicken. Ein kleiner Mensch. Ganz. Aber auf die Fürsorge der Welt angewiesen. Dieser kleine Mensch kann seine Bedürfnisse in die Welt rufen und hat noch einen anderen angeborenen Impuls: Sobald die kleinen Finger eine Hand ertasten, fassen sie zu.

Kinder verdienen nichts anderes als Liebe, Fürsorge und Verständnis. Sie haben nicht darum gebeten, geboren zu werden. Aber sie lassen sich darauf ein. Sie zeigen, was sie brauchen und sie fassen nach den Händen, die sie halten. Und sie geben das größte, was Menschen geben können: kompromisslose Liebe. In dem Zufassen der winzigen Finger, dem Geruch, der noch etwas von der Ewigkeit hat und irgendwann dem ersten zahnlosen Lächeln.

Nach der Geburt meines ersten Kindes sagte die Hebamme zu mir:

Schau in das Gesicht deines Sohnes. Er ist noch nicht ganz hier. Er sieht noch weise aus. Er kennt noch alle Geheimnisse der Ewigkeit. Nur für ganz kurze Zeit. Einen winzigen Augenblick.

Unsere Hebamme war nicht religiös aufgewachsen. Sie war religiös geworden, weil sie in die Gesichter vieler neu geborener Kinder geblickt hatte. Bei jeder Geburt sah sie für einen Augenblick das Ewige.

Wenn eines meiner Kinder plötzlich nicht mehr mag, was gestern noch das Lieblingsessen war. Wenn ein anderes ein Riesentheater veranstaltet, weil es die Lieblingssocken nicht findet und keine anderen anziehen kann. Wenn wir deshalb zu spät kommen und laut werden und ungeduldig. Wenn alles lauter und chaotischer ist, als ich es gerade gut wegstecken kann. Dann erscheint mir diese Erinnerung kitschig. Weil ich dann darauf warte, dass die Kinder sich in meinen, unseren Rhythmus und unseren Ablauf hineinquetschen lassen.

Und manchmal tun sie das nicht. Gott sei dank.

In der Kirche wollen wir den Menschen Halt geben und wir haben dafür Strukturen geschaffen. Gottesdienstabläufe. Gebäude, die Sicherheit geben. Mauern, die Geschichten erzählen und Generationen von Menschen einen Raum gegeben haben für ihre Sorgen, ihre Dankbarkeit und ihre Suche nach dem Sinn.

Aber in diesen Mauern ist bislang wenig Raum für kleine Menschen. Dort stehen nur große Bänke.

Das ändert sich gerade in der Simeonkirche in Hamburg Bramfeld. Dort stehen jetzt kleine Stühle und mittelgroße Stühle und dort liegen Teppiche für die Menschen, deren Rücken noch so zart sind, dass sie das eigene Gewicht noch nicht tragen können. Diese kleinen Menschen gehören auf die Arme ihrer Geschwister, Eltern und Großeltern. Und wenn sie mögen, liegen sie einen Augenblick auf dem Teppich in ihrer Kirche und betrachten mit noch nicht ganz klarem Blick die Decke weit über ihnen.

Die kleinen Stühle und Teppiche sind erst der Anfang. Die Menschen in der Simeonkirche wollen noch viel mehr für die Kinder in ihrer Gemeinschaft. Das Abenteuer Kinderkathedrale hat gerade erst angefangen…

Die Reise beginnt (Ep.2)

Der Kirchengemeinderat hat dem Projekt zugestimmt, die Gemeinde wurde informiert und beim Kirchenkaffee zum Nachfragen und Diskutieren eingeladen. Ja, es wird etwas ungewohnt werden. Ja, das ist mal was Neues. Mal sehen, wie die Menschen im Stadtteil unser Projekt in den nächsten Monaten erleben und kommentieren. Ihre Kirche sieht bald anders aus. Ungewohnt. Wir sind sehr gespannt auf die Gespräche, die Gefühle, die das auslöst.

Bislang gibt es eine unglaublich hohe Zahl an positiven Kommentaren und Rückenwind. (Das habe ich in Kirche so noch nie erlebt, wenn ich das mal ganz persönlich sagen darf.)

Die Kirche hat lange genug den Erwachsenen gehört. Es gab große Stühle oder Bänke und ein Gottesdienstformat, das wenig Raum für sinnliche Erfahrungen und Beteiligung bietet. Tradition hat ihre Berechtigung und ihre Kraft. Das stellt niemand zur Diskussion. Aber sie kann nicht der einzige Maßstab sein.

Der erste Meilenstein sind deshalb die Bänke. Die Hälfte soll raus. Es wird lange diskutiert, wie sie gelagert werden können. Die Lösung ist gefunden und der Auftrag wird erteilt. Wir halten den Atem an. Wie wird es aussehen? Was werden die Menschen am Sonntag sagen?

https://www.simeonkirche.de/home/news/new/platz-für-die-kinder-kathedrale.html Foto: Pastorin Gwen Schwethelm

Und plötzlich ist Platz und der Boden, auf dem wir stehen, leuchtet.

Eine Kirche mit, für und von Kindern (Ep.1)

Wir haben uns gefragt, wie eine Kirche aussehen müsste, damit Kinder sich darin wohlfühlen und die Möglichkeit haben, alles zu erkunden und sich selbst eine Meinung zu bilden. Deshalb haben wir ihnen Platz gemacht.

Wir wollen eine

Kirche mit allen Sinnen!

Kirche ohne erhobenen Zeigefinger!

Kirche zum Ausprobieren und Entdecken!

In der Kinderkathedrale gibt es kleine und ganz kleine Stühle, Teppiche, Sessel und Sitzsäcke. Es gibt Knete, Bauklötze, viele Bücher und Symbole. Geschichten können nachgespielt und weitergedacht werden. Wir möchten hören, was Kinder denken, was sie sich wünschen und wovon sie träumen.

Denn wir wollen mit den Kindern zusammen Kirche sein!

Die evangelische Simeonkirchengemeinde in Hamburg Bramfeld hat sich als erste Kirche im Norden auf den Weg gemacht und ihre Türen für Kinder geöffnet, um Kinderkathedrale zu sein. Kinder sollen nicht in einen kleinen Nebenraum, in dem gebastelt werden kann. Sie bekommen die ganze Kirche für sich und ihre Erfahrungen.

Die Idee ist nicht neu. Sie stammt von Jesus.

Er sagt zu den Erwachsenen:

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

In den Ordnungen und Gesetzen der Nordkirche haben Kinder das gleiche Recht auf Verkündigung und Sakramente, also Abendmahl und Taufe, wie Erwachsene auch. Sie haben das Recht, dass wir ihre spirituelle Entwicklung ernst nehmen und ihnen den Raum geben, den christlichen Glauben zu entdecken und sich eine Meinung dazu zu bilden – mit Kopf, Herz und Hand.

Wie soll eine Kirche für, von und mit Kindern aussehen?

Das wissen wir auch nicht. Wir sind erwachsen. Aber wir haben die Türen aufgemacht und die Bänke zur Seite geräumt. Hier ist jetzt Platz für Kinder. „Kommt herein, macht diesen Ort zu Eurem Ort und sagt uns, was Euch gefällt und was Ihr von uns braucht.“

Unsere Erfahrungen und den Prozess in der Gemeinde und im Stadtteil wollen wir hier dokumentieren. Lasst Euch inspirieren, diskutiert mit uns und den Leuten bei Euch zu Hause. Und macht bitte die Türen und Herzen weit auf!

Es grüßt Sie und Euch herzlich,

Ihre und Eure Antoinette Lühmann, Pastorin der Fachstelle Kindergottesdienst in der Nordkirche